Autoren über Mut:

Schreibt uns eure Gedanken zum Thema „Mut“ – darum baten wir die sechs jungen Autoren, die bei der Wandelveranstaltung „Eigene Wege gehen“ am 6.9.2019 auf dem Hermannshof in Springe beteiligt waren.

Der zweite Text kommt von Bijan Moini:

Foto: Thomas Friedrich Schäfer

 

Euer Mut, unser Schweigen

Bürger*innen Hongkongs!

Ich verneige mich vor Euch. Wenn ich könnte, bis zu den Zehenspitzen. Ich verneige mich vor Eurem Mut. Vor der Leidenschaft, mit der Ihr die Straßen flutet. Eure Straßen. Zu Tausenden, Millionen gar, nicht für einen gerechten Lohn oder eine bezahlbare Wohnung – auch dazu hättet Ihr allen Grund! –, sondern für die Freiheit. Für die Freiheit von Fremdbestimmung. Für Selbstbestimmung durch Mitbestimmung.

Aber Euer Mut macht mir Angst. Ich habe Angst um Euch und uns. Um Euch, weil Ihr allein seid. Um uns, weil wir Euch alleine lassen. Ihr steht verlassen gegen ein Reich, das bald das mächtigste der Erde sein wird. Ein Reich, dessen autoritäre Führung es mit einem Pleonasmus beschreibt, als machten zwei Lügen es wahr: Volksrepublik. Und statt einem Zaubertrank, der Euch unbesiegbar macht, habt Ihr nur Eure Entschlossenheit. Und wir … Wir schweigen. Unsere Regierung schweigt. Unsere Unternehmen schweigen. Aus Angst vor dem wütenden Riesen. Aus Angst davor, dass er uns das Geschäft mit einem Hieb zunichtemacht. Oh dieses Geschäft. Was tun wir nur alles dafür – was tun wir dafür nur alles nicht. Wie weit hat sie uns gebracht, die Angst um das verdammte Geschäft, wohin führt sie uns noch?

Dass wir Eure Hilferufe ignorieren, ficht Euch nicht an. Ihr seid Euch selbst genug. Ihr demonstriert, und demonstriert zugleich die Universalität einer Idee. Was hat nicht ausgerechnet die Zentralregierung diese Universalität der Menschenrechte verunglimpft. Und nun steht sie Euch fassungslos gegenüber, mit nichts weiter gewappnet als roher Gewalt. Euch, die ihr Tränengas und Wasserwerfern standhaltet, Schlägertrupps und Drohgebärden der Armee, Kündigungen und Festnahmen. Als könnte man eine Idee zum Weinen bringen oder einfach wegspülen, sie verprügeln oder sie einschüchtern, ihr den Arbeitsplatz nehmen oder die Freiheit rauben. Ein Gedanke, auf den nur kommen kann, wer selbst keine Ideen hat.

Mich erschrickt die Leidenschaft, mit der Ihr streitet. Weil sie mir bewusst macht, dass wir zu ihr nicht im selben Maße fähig wären, zerkleinerte man unsere Demokratie. Hoffen tue ich das Gegenteil, aber glauben … glauben kann ich es nicht, will es nur. Dabei täte Leidenschaft auch hierzulande not. Denn was Euch mit Wucht gegen die Stirn schlägt, hat sich auch bei uns längst ins Hinterstübchen geschlichen: Eine Verachtung für die Errungenschaften der Moderne, für die Rechte des Einzelnen, für den Schutz der Minderheiten, für die Teilhabe aller an der öffentlichen Gewalt. Schon reden wir sie wieder klein, die Gefahr für unsere Demokratie. Schon suchen wir wieder nach dem Gemäßigten im Radikalismus, wähnen uns sicher hinter den schwindenden Barrikaden des Rechtsstaats, blicken nach unten, während der Revisionismus direkt vor uns die Zeit zurückschlägt.

Wir müssen von den Zehenspitzen wieder aufblicken. Wir müssen – wie Ihr! – dagegenhalten. Wir müssen stehenbleiben, wenn uns der von Populisten geschürte Volkszorn nach rechts treibt. Wir dürfen nicht rechte Politik betreiben, um Rechte fern der Macht zu halten. Wir brauchen Euren Mut, um unsere freiheitliche Demokratie zu schützen.

Und Eure. Bis dahin seid Ihr auf Euch selbst gestellt. Ratschläge mag ich Euch nicht geben, denn wer bin ich schon?

Voll Hochachtung und Sorge

Bijan Moini