Raoul Schrott über Mut

Raoul Schrott eröffnete das Literaturfest 2019 mit seiner tollen Ermutigungsrede, die wir hier gerne nochmal zum Nachlesen bereit stellen.

Foto: Helge Krückeberg

 

MUT

Um uns zu verständigen, was Mut ist, bedarf es eines Beispiels. Wir können uns dafür sicherlich auf das Auftreten Ihrer Landsmännin einigen, das markant genug war, um daneben auch die Umbetonung ihres Namens von Carola Ráckete zu 'Rakete' zu bewirken: der Mut dieser Kapitänin, die entgegen der italienischen Staatsgewalt 53 schiffbrüchige Migranten an Land brachte, zeigte sich in der Entschlossenheit ihrer Tat, der Furchtlosigkeit in einer gefährlichen Situation, der Bereitschaft, trotz zu erwartender Nachteile, etwas zu tun, was man für recht und moralisch notwendig hält. Doch beruhen diese drei Definitionen des Mutes letztlich nur auf Kosten/Nutzen-Rechnungen angesichts von Risiken, nicht aber auf dem Wesen des Mutes selbst. Denn was lässt jemanden entschlossen, gefahrenbereit, aufrichtig und widerständig handeln?

Mut macht stets Eindruck: der jedoch fasst ihn bloss äusserlich. Was ihn innerlich ausmacht, was sein Antrieb ist, geht aus den Interviews mit Carola Rackete nicht hervor, weshalb ich jetzt auf eigene Beispiele angewiesen wäre, um mir zu überlegen, wo man seinen Mut hernimmt: ich bei der Krokodiljagd in Papua Neuguinea, ich bei meiner Verhaftung durch die ägyptische Geheimpolizei, ich mit 13 bei meinem ersten Bandwettbewerb vor dem Landecker Altersheim. Doch würde dies nur als Prahlerei wirken. Mut erweist sich; man erkennt ihn, wenn man ihn sieht. Sobald er jedoch von sich zu reden beginnt, wirkt er unglaubwürdig: erst Neid erregend, dann zur Herabsetzung auffordernd. Das ist ein seltsamer Sachverhalt, nicht wahr? Dass etwas Gutes besser nicht von sich selbst spricht und wenn, dann nur ironisch? Mut sich zwar deutlich zeigt, nicht aber auch wesenhaft kenntlich wird? Denn selbst wenn ich nun nachdenke, weshalb ich in verschiedenen Situationen mutig gehandelt habe, wüsste ich es nicht wirklich zu benennen: ich weiss nur, dass es mich kaum Überwindung kostete, es irgendwie selbstverständlich schien, angebracht, das einzig Richtige - und erst im Nachhinein bemerkens- und bedenkenswert.

Wo Mut herrührt, wäre demnach schwer zu sagen: würde uns nicht die Geschichte der Wörter, die wir für ihn haben, etwas über ihn verraten: Wörter benennen nunmal kollektive Eigenarten des menschlichen Verhaltens. Guten, frischen, frohen oder ruhigen Muts zu sein, verweist so noch auf seine Herkunft aus dem Althochdeutschen muot als Stimmung, Gesinnung, Gefühl, Neigung - Mut ist also eine Frage des jeweiligen Gemüts, welches frei- und frohmütig oder schwer- und langmütig, sanft- und engelmütig oder stark- und kühmütig, klein- oder grossmütig, gutmütig oder zornmütig, treu- oder wankelmütig ebenso wie unmütig sein kann. Demnach ist Mut der Ausdruck eines bestimmten Temperaments. Das demonstriert auch die Tapferkeit, indem sie sich vom Indo-Europäischen *dheb ableitet, 'fest', im Sinne eines unnachgiebigen sturen Wesens, das man im spätmittelalterlichen Deutsch als 'tapfer' ansah, im Altnordischen hingegen aufgrund derselben seelischen Starrheit als dapr, 'traurig, betrübt'. Das eine ist die Kehrseite des anderen: je grösser die Verbissenheit in etwas, desto eher leidet man am Ende auch reumütig selbst darunter; und was von aussen tapfer wirkt, beruht meist bloss auf einem Nicht Anders Können.

Was wir unter Mut verstehen, hat man also - oder nicht: ohne dass sein Fehlen einen Menschen von vornherein in ein schlechtes Licht rücken würde. Die Evolutionsbiologie lehrt, dass Mut und sein Gegenteil, die Vorsicht, zwei grundlegende Überlebensstrategien sind, die beide gleich grosse Vor- und Nachteile haben: es hängt von der Situation ab, wo das eine sich auszahlt, das andere nicht. Dennoch geringschätzen wir Vorsicht und bewundern Mut, obwohl Weitsicht und Vorausschau Zeichen von Weisheit wären, Mut dagegen etwas Impulsives ist: wir schätzen Handeln höher als Zuschauen.

Was uns imponiert, ist jedoch nicht der Übermut, der Leichtsinn des oft bösartig Mutwilligen oder das Stolze des Hochmuts, die alle drei gedankenlos sind, dumm. Wir bewundern vielmehr jenen Mut, der nach weidlichem Hin und Her Überlegen eine Entscheidung trifft: den Wagemut, der sich nach all den Unsicherheiten des Abwägens für einen Kurs entscheidet. In Racketes Fall für das Einlaufen ihres Schiffes in einen gesperrten Hafen und das Abdrängen eines Schnellbootes voller bewaffneter Zollwachen an der Mole. Geht etwas derartiges schief, nennt man dies Heldenmut, in der posthumen Erhöhung, die wir allen Mutigen bei der Grabrede für sie dann zuteil werden lassen; gelingt es, dann aber war es klug, geschickt und gewandt: kühn - indem es sich von einem Können ableitet, das bei einer bloss 31 Jahre alten Kapitänin allemal festzustellen ist.

Kühnheit und Wagemut nehmen sich jedoch abenteuerlich aus und damit fragwürdig - anders bräuchte es ja diesen Festivaltitel auch nicht, um Ihnen Mut zuzusprechen und Sie daran zu erinnern, dass er eine durchaus positive menschliche Eigenschaft und notwendig sein kann.

Denn der Mut stellt, jedesmal, wenn er sich regt, das bloss Konventionelle und seine manierlich überkommenen Sitten in Frage. Schickt er sich darin und gibt klein bei, dann wird das zur Demut stilisiert, in welcher der eigene Wille vor etwas Übergeordnetem, scheinbar Übermächtigen in die Knie geht - je graziler und bescheidener, desto anmutiger.

Ja, wir sind allzuoft feige - im ursprünglichen Wortsinn 'biegsam, dünn' und darob 'zu schwach' - und verzagt - im ursprünglichen Wortsinn 'uns vor der Strafe für eine mutige Tat fürchtend'. Deshalb erscheinen dem Deutschen die besten Seiten des Mutes als fremdländisch und suspekt: uns Weichlingen trauen wir ihn offenbar kaum zu. Nehmen wir die Bravour her: Sie leitet sich entweder vom lateinischen bravus ab, einem Halsabschneider und Strauchdieb, oder vom spanischen bravo, einem heidnischen Barbaren - denen man ob ihrer unzivilisierten Unkultiviertheit wegen stereotyp wilden, verwegenen Todesmut zuschrieb. Im Italienischen wird daraus ein bravo als etwas Feines, Wunderbares und im Englischen das brave der Tapferkeit: doch bei uns im Deutschen? Das Brave! Auf dieselbe Weise, wie bei uns aus dem Mut die biedere Gemütlichkeit wird. Herrgott, was sind wir doch für Kleingeister. Denn dieses Brave ist bloss das gutmütig Harmlose, mit dem wir uns trotz allen Mutes in das ordentlich Geregelte schicken, ob es nun gerecht ist oder nicht. Um die Eleganz unserer kniefälligen Dienstfertigkeit dann als bravourös zu bezeichnen, als virtuoses Spiessertum, als streberisch gemeisterte Prüfung vor etwas, das letztlich keine wirklichen Konsequenzen und Auswirkungen hat. Ja - bravourös, das war die Carola Rackete auf ihrer Sea Watch 3, als sie ebenso schneidig wie geschickt in den Hafen von Lampedusa anlegte, um dort ihre aus der Seenot Geretteten internationalem Seerecht wie der Menschrechtskonvention gemäss, jedoch italienischem Chauvinismus und Populismus entgegen, ans rettende Ufer zu bringen.

Doch Ihre Landsmännin hatte noch eines, weitaus wesentlicheres: nämlich Courage. Den Mut, der sich aus der innersten Überzeugung heraus ergibt, aus dem cor und coeur heraus, dem Herzen als alten Vorstellungen nach dem Sitz des Denkens, Fühlens, Lebens eines Menschen. Darin liegt - möchte ich nun in endlicher Beantwortung der Frage sagen - das Wesen des Mutes, gleich welchen: in diesem zutiefst Humanen, dem er Ausdruck verleiht. Indem der Mut uns als diejenigen vorstellt, die wir eigentlich sind: gleich welchen Gemüts. Indem wir uns dann - im letzten und diskretesten Wort für Mut - etwas trauen. Nämlich uns etwas zutrauen. Indem wir uns - daher rührt dieses Trauen - dadurch treu bleiben. Denn selbstvertrauende Menschen, die haben Rückgrat und die rechte Menschlichkeit. Oder wie Carola Rackete der Zeitung La Repubblica gegenüber ihre Beweggründe formulierte: "Ich habe eine weisse Hautfarbe, ich bin in ein reiches Land geboren worden, ich habe den richtigen Reisepass, ich durfte drei Universitäten besuchen und hatte mit 23 Jahren meinen Abschluss. Ich spüre eine moralische Verpflichtung, denjenigen Menschen zu helfen, die nicht meine Voraussetzungen hatten".

Wer Mut hat, ist im Recht. Das ist eine Maxime, die sich mir von den ersten Sätzen dieser Rede her aufgedrängt hat. Beweisen lässt sie sich nicht wirklich. Doch beruht sie auf dem Glauben, dass es etwas Gutes im Menschen gibt, ein Gewissen, das ihn zur Zivilcourage anleitet, im Grossen wie im Kleinen. Denn nur wer sich im Recht glaubt, wird im eigentlichen Sinn des Wortes mutig handeln. Und da ist die Sprache wieder strikt: denn eine ungerechte Tat werden wir nie als als beherzt bezeichnen, sondern als vermessen, fahrlässig, böswillig. Deshalb noch einmal: Wer Mut hat, ist im Recht!

Text: Raoul Schrott